Eric Hobsbawm – Historiker, Marxist, Menschenfreund. Ein Wissenschaftler, der in seinem langen Leben die Geschichte des blutigen 20. Jahrhunderts erforscht und als „Zeitalter der Extreme“ beschrieben hat, gleichwohl aber die Hoffnung auf Aufklärung, Fortschritt, Humanität nie aufgab. „Ich glaube, hier ist der bekannte Ausspruch Antonio Gramscis am Platz: ‚Pessimismus der Intelligenz, Optimismus des Willens!’ Und historisch erfordert das, wie Max Weber erkannte, den Glauben an die Möglichkeit der Weltveränderung durch menschliche Aktion. Wie einmal Oscar Wilde sagte: ‚Keine Weltkarte taugt etwas, die nicht die Insel Utopia enthält.’ Wir können nie auf ihr landen, aber ohne auf sie zuzusteuern, erreicht die Menschheit die erreichbaren Ziele auch nicht.“ „Wir brauchen die Hoffnung an eine bessere, gerechtere, lebenswertere Gesellschaft. Wir brauchen den Glauben, dass der Aufbau einer solchen Gesellschaft das Hauptziel der Politik ist. Denn in diesem Glauben hat sich die Menschheit seit der Mitte des 18. Jahrhunderts doch sehr verbessert. Wird sie das 21. Jahrhundert wiederbringen? Ich hoffe es, ich glaube es sogar.“ Vor seinem Tod machte dann noch eine sehr düstere Prognose: "Es wird Blut fließen, viel Blut". Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet.
Das kurze 20. Jahrhundert
Er war einer der einflussreichsten Historiker unserer Zeit. Begriffe wie das „kurze 20. Jahrhundert“ oder die „Erfindung der Tradition“ gehen auf ihn zurück. Bis zuletzt blieb er überzeugter Marxist und Vertreter der britischen Linken. Am 1. Oktober 2012 starb Eric Hobsbawm 95-jährig in London. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt hat kürzlich die beiden Werke Das Zeitalter der Extreme und Gefährliche Zeiten des Ausnahmehistorikers in einem Doppelband veröffentlicht.
“Wie können wir dem ‘Kurzen 20. Jahrhundert’ einen Sinn abgewinnen, also den Jahren vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, die, wie wir heute im Rückblick erkennen können, eine kohärente historische Periode bildeten, welche nun beendet ist? Wir wissen nicht, was als nächstes kommt und wie das dritte Jahrtausend aussehen wird, aber wir können sicher sein, dass es vom Kurzen 20. Jahrhundert geprägt sein wird.”
Das 20. Jahrhundert war von Extremen geprägt. Ebenso prägten diese Extreme das Leben des Eric Hobsbawm, dessen Nachname übrigens auf eine Anglifizierung des Namens Obstbaum zurückgeht.
Geboren wurde er 1917 im ägyptischen Alexandria als Sohn eines polnisch- jüdischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter, die zwei Jahre zuvor in Zürich geheiratet hatten. Aufgewachsen ist er in Wien. Nach dem frühen Tod seiner Eltern nahmen Verwandte in Berlin den Jungen 1931 zu sich. Hier kam er auch das erste Mal in Kontakt mit dem Marxismus und erlebte das Emporkommen der Nationalsozialisten, nach deren Machtübernahme er nach London auswanderte. Mit einem Stipendium studierte er später in Cambridge.
Neue Schule marxistischer Historiker
Nach dem Zweiten Weltkrieg begründete Hobsbawm zusammen mit Thompson und Hill eine neue marxistische historische Schule. Nicht die großen Staatsmänner standen mehr im Mittelpunkt der historischen Betrachtung, sondern die Unterdrückten. Die soziale Ungerechtigkeit und die Suche nach einem Weg, diese zu überwinden, wurden zu Hobsbawms zentralem Thema. Bis zum Schluss blieb er Mitglied der Kommunistischen Partei, bis zuletzt verteidigte er den Marxismus.
Sein bedeutendstes Werk
Das erstmals 1994 erschienene Buch Das Zeitalter der Extreme gilt als Hobsbawms bedeutendstes Werk. Es beginnt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und endet mit dem Untergang der Sowjetunion. Auch wenn er als Kommunist scharfe Kritik an den Zuständen und Praktiken in der UdSSR übte, sah er in ihr einen Gegenpol zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Hobsbawm schrieb über das kurze 20. Jahrhundert, weil er es für beendet ansah. Während die drei Jahrzehnte von 1914 bis 1945 durch die Weltkriege bestimmt wurden, folgte ein sogenanntes Goldenes Zeitalter, das bis Mitte der 1970er Jahre andauerte. Hier gab es trotz der Konfrontationen zwischen den großen Ideologien, zwischen Ost und West, keinen weiteren Großkrieg mehr und vor allem in Amerika und Europa wuchs der Wohlstand. Die Revolte der Jugend und der Studenten um 1968, aber auch die Ölkrise markierten einen Wendepunkt und leiteten eine Zeit ein, die schließlich mit dem Untergang der Sowjetunion 1990 endete.
Nicht überrascht von der Finanzkrise
Hobsbawm war ein herausragender Historiker und weitsichtiger Denker. Die 2008 durch den Zusammenbruch der Lehman Bank ausgelöste Finanzkrise etwa überraschte Hobsbawm wenig. In einem Interview mit dem Stern sagte er dazu, die Banker haben sich „absolut systemimmanent verhalten. Profit. Gewinn. Maximales Wirtschaftswachstum. Die marktradikalen Theorien sind ja wunderbar – wenn man von der Wirklichkeit absieht. Man konstruiert sich ein System, nennt es Freiheit, und in der Theorie funktioniert es: Jedermann, jeder Mensch, jede Firma sucht für sich den Vorteil, den rational kalkulierbaren Vorteil, und der Markt, jenseits des menschlichen Urteils, regelt alles zum Guten. Eine primitive Ideologie.“
Die Krise als solche war für ihn voraussehbar. Marx hatte sie 150 Jahre zuvor vorausgesagt. Hobsbawm schrieb dazu über das Kommunistische Manifest:
„Was 1848 einem unvoreingenommenen Leser als revolutionäre Rhetorik oder bestenfalls als plausible Prognose erscheinen mochte, kann heute als eine knappe Beschreibung des Kapitalismus am Ende des 20. Jahrhunderts gelesen werden.“
"In diesem Buch wird die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts dargestellt und Entwicklungen herausgearbeitet, die uns auch die Gegenwart besser verstehen lassen. So entdeckt Hobsbawm in den Kriegen seit 1914 neue Aspekte wie die Mobilisierung der Massen durch die Dämonisierung des Gegners oder den Willen die Gegner zu vernichten, jenseits der Diplomatie, die zuvor auch auf die Beendigung von Kriegen setzte."
Vor seinem Tod machte dann noch eine sehr düstere Prognose: ERIC HOBSBAWM"Es wird Blut fließen, viel Blut"
Billionen Euro und Dollar setzen die Politiker gegen die Wirtschaftskrise ein. Wissen sie, was sie da tun? Nein, sagt Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Schlimmer noch als die Große Depression, die er vor 80 Jahren in Berlin miterlebte, sei der Zusammenbruch heute. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet.
(..) Der frühere französische Premierminister Laurent Fabius fürchtet "soziale Revolten", und die, meint die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, könnten zu einer Gefahr für die Demokratie werden.
Alles ist möglich. Inflation, Deflation, Hyperinflation. Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentwürfe brutal zerstört werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns - ich kann das nicht ausschließen - auf eine Tragödie zubewegen. Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Flüchtlinge. Und noch etwas möchte ich nicht ausschließen: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden würde - zwischen den USA und China.
Das ist doch Unsinn.
Nein.
Okay, das ist doch einfach absurd, dieser Gedanke!
Nein. Im Augenblick, das gebe ich gern zu, erscheint dieses Szenario sehr unwahrscheinlich. Im Augenblick scheinen sich China und die USA zu ergänzen, ja sich sogar zu stützen, sie erscheinen geradezu komplementär. Doch im pazifischen wie im asiatischen Raum wird ihr Konkurrenzkampf immer härter. Es gibt keine Basis für eine dauerhafte Freundschaft zwischen diesen beiden Großmächten.
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