Die NATO-Staaten steckten Geld ins Militär, nicht in Schulen, den Aufbau demokratische Institutionen

Die USA und ihre Verbündeten haben die afghanische Gesellschaft nicht von unten reformiert. Sie haben Milliarden ins Militär gesteckt, anstatt mehr Geld in Aufklärung, in Schulen, in Lehrerausbildung und Errichtung demokratischer Institutionen zu investieren. Menschen, die im entlegensten Winkel leben, Wissen und demokratische Grundwerte zu vermitteln, hätte so viel mehr gebracht als alle Waffen.


Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide über die neuen Herrscher in Afghanistan und ihren taktischen Umgang mit dem Koran.


Khorchide: Es ist kompliziert, demokratische Systeme auf Stammesgesellschaften zu übertragen, wo die Loyalität dem Clan und seinen Bräuchen gilt. Aber das heißt nicht, dass wir nicht demokratische Werte vermitteln sollten. Damit dies gelingt, müssen wir lernen, die kulturelle Sprache und Eigenheiten der Menschen vor Ort zu berücksichtigen. Stammesidentitäten sollten mit demokratischen Werten und dem Glauben an eine plurale Gesellschaft in Harmonie gebracht werden. Das Endziel muss Demokratie sein.


SPIEGEL: Aber Demokratie und Scharia schließen sich aus.

Khorchide: Das ist eine Frage der Interpretation. Meine These ist, dass sich zuerst die gesellschaftlichen Strukturen ändern müssen, bevor sich ein liberales Verständnis vom Islam etablieren kann. Erst wenn die Menschen sich als autonomes Wesen begreifen, als Subjekt und nicht mehr als fremdbestimmtes Objekt, beginnen sie, Autoritäten zu hinterfragen und demokratisch zu denken. Und dann können sie Nein sagen zu restriktiven Auslegungen des Islam.


SPIEGEL: Sollte der Westen mit den Taliban verhandeln?

Khorchide: Die Taliban sind heute eine Realität, mit der wir umgehen müssen. Leidtragende beim Aussetzen von Verhandlungen ist die Bevölkerung vor Ort. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen.


SPIEGEL: Womit müssen Frauen in Afghanistan jetzt rechnen?

Khorchide: Die Frauen werden weniger Rechte und Freiheiten haben als vor der Machtübernahme, aber mehr als unter den Taliban der Neunzigerjahre. Es sind die Frauen und die Freigeister in Afghanistan, die jetzt für Veränderungen kämpfen müssen. Wir sollten sie dabei unterstützen, indem wir ihnen Mut machen, in Bildung investieren und vor Ort Programme aufbauen. In Verhandlungen sollten die westlichen Staaten klipp und klar Bedingungen für eine mögliche wirtschaftliche Unterstützung des Regimes formulieren.


https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/afghanistan-fuer-die-taliban-ist-die-scharia-die-einzige-legitime-gesellschaftsordnung-a-82f7be63-af56-4c5a-a0fe-8e0371ca474c


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