Die Erstürmer des US-Parlaments waren vor allem weiße, wohlhabende 40- bis 50jährige Männer

Zurückzuführen ist es auf eine systematische Hetzkampagne. Trump und einige seiner Verbündeten in den Medien, allen voran Tucker Carlson, ein Moderator des Senders Fox News, hatten immer wieder die Angst vor dem "great replacement", dem "großen Austausch", geschürt: Menschen mit schwarzer und brauner Haut würden Weiße über kurz oder lang verdrängen. In dieser Skizze war Trump der Retter des Abendlands, der den Trend aufhalten und umkehren würde. Die Angst vor dem Wandel, vor dem Verlust des eigenen Mehrheitsstatus trieb Männer mit grauem Haar zur Gewalt. Etwa zur Hälfte handelte es sich um Berufsgruppen der Kategorie "white collar". Um Menschen also, die ihr Geld mit dem sinnbildlichen weißen Hemdkragen am Schreibtisch verdienen. Selbstständige und Kleinunternehmer waren reichlich vertreten, etliche konnten es sich leisten, die Tage zuvor in keineswegs billigen Hotels zu verbringen. "Dies ist tatsächlich eine neue, politisch gewaltbereite Massenbewegung. Dies ist kollektive politische Gewalt." Ähnliches habe sich zum letzten Mal in den 1920er-Jahren beobachten lassen, als der Ku-Klux-Klan, in der Endphase des US-Bürgerkriegs gegründet als Geheimbund rassistischer Südstaatler, eine Renaissance erlebte, die weit über seinen ursprünglichen Kern hinausging und sich nun, mit erweiterter Stoßrichtung, gegen Schwarze, Juden, Katholiken und Internationalisten gleichermaßen richtete. Die Untersuchung zeigt: Wahrscheinlich sind mehr Angriffe auf die Minderheiten in den USA.

Zu diesem Ergebnis kommt Robert Pape, Politikprofessor an der Universität Chicago, Leiter des University of Chicago Project on Security and Threats (CPOST). Er charakterisiert die Rebellion denn auch als einen Aufstand von Menschen mit oft schon angegrautem Haar. Die CPOST-Wissenschafter arbeiteten ein entscheidendes Kriterium für die Angreifer auf die US-Demokratie heraus: Sie kamen vor allem aus Gegenden, in denen der Anteil der Weißen an der Bevölkerung deutlich zurückging, auch wenn Weiße dort noch die Mehrheit bildeten, war es umso wahrscheinlicher, dass sich Trump-Getreue auf den Weg machten, um in der Hauptstadt Flagge zu zeigen.

Das US-Kapitol erstürmten also nicht vor allem Spinner, Rechtsextreme und Jugendliche ohne Perspektiven, sondern oft gut situierte Vierzig- und Fünfzigjährige waren bei den Angreifern auf das Weiße Haus dabei, die die Vereidigung des gewählten Joe Biden verhindern wollten und damit einen Staatsstreich beabsichtigten.

Was waren das für Leute, die, angestachelt vom noch amtierenden Präsidenten, durch zerschlagene Fenster kletterten oder durch aufgebrochene Türen liefen, auf Polizisten einprügelten und Jagd auf Abgeordnete und Senatoren machten? Pape hat versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, jenseits aller medialen Schnellschüsse. Unterstützt durch sechs Kollegen und zwei Dutzend Studenten, hat er vieles gesichtet von dem, was sich finden ließ über die mehr als 700 Angreifer, gegen die bisher strafrechtlich ermittelt wurde. Gerichtsdokumente, Medienberichte, Amtspapiere – unzählige Informationsbruchstücke sollten zu einem Puzzle zusammengesetzt werden, um eine Art Gruppenprofil zu erstellen. Um einen gemeinsamen Nenner zu finden, etwas, was die Eindringlinge demografisch verband, was dazu beitragen konnte, ihre Motive zu erklären. Als Erstes, sagte der Wissenschafter dem Magazin "The Atlantic", sei ihm das untypische Alter der Invasoren aufgefallen. Ökonomischer Aspekt Pape befasst sich schon länger mit gewaltbereiten politischen Extremisten – nicht nur in den USA, auch in Europa und dem Nahen Osten. In aller Regel, hat er dabei gelernt, sind es junge Männer in den Zwanzigern und Dreißigern, die zu politisch motivierter Gewalt greifen. Dass am 6. Jänner 2021 die Generation der Vierzig- und Fünfzigjährigen eifrig mitmischte, doziert er, stehe im Widerspruch zu bis dahin gesammelten Erfahrungen. Dann wäre da noch der ökonomische Aspekt. Gerade mal sieben Prozent der Aufrührer waren arbeitslos, ein vergleichsweise geringer Wert. In der Dekade zuvor, hat Papes Team anhand des Studiums von FBI-Akten herausgefunden, hatte jeder Vierte, den die amerikanische Bundespolizei wegen extremistischer Gewalt festnahm, zum Zeitpunkt der Tat keinen Job. Nicht so am 6. Jänner 2021, weshalb von einer Revolte der wirtschaftlich Frustrierten, der Perspektivlosen keine Rede sein kann. Unter den Trump-Anhängern, die das Kapitol besetzten, waren Ärzte, Architekten, eine Fachkraft von Google, der Besitzer einer Werbeagentur, sogar ein Beamter des Außenministeriums. Etwa zur Hälfte handelte es sich um Berufsgruppen der Kategorie "white collar". Um Menschen also, die ihr Geld mit dem sinnbildlichen weißen Hemdkragen am Schreibtisch verdienen. Selbstständige und Kleinunternehmer waren reichlich vertreten, etliche konnten es sich leisten, die Tage zuvor in keineswegs billigen Hotels zu verbringen. Berauscht von der Macht Pape spricht von weißen Mittelschichtlern, die entweder ungehemmt auf Gewalt setzten oder aber, im Sog des Geschehens, berauscht von der eigenen Macht, jegliche Hemmungen abstreiften. Die lange verbreitete Auffassung, nach der es in der Hauptsache Splittergruppen beziehungsweise Einzeltäter sind, die sogenannten einsamen Wölfe, die für rechte Gewalt stehen, hält er angesichts der Realität des 6. Jänner 2021 für überholt. Gerade deshalb klingt das Fazit, das er zieht, so alarmierend. "Dies ist tatsächlich eine neue, politisch gewaltbereite Massenbewegung. Dies ist kollektive politische Gewalt." Ähnliches habe sich zum letzten Mal in den 1920er-Jahren beobachten lassen, als der Ku-Klux-Klan, in der Endphase des US-Bürgerkriegs gegründet als Geheimbund rassistischer Südstaatler, eine Renaissance erlebte, die weit über seinen ursprünglichen Kern hinausging und sich nun, mit erweiterter Stoßrichtung, gegen Schwarze, Juden, Katholiken und Internationalisten gleichermaßen richtete. Organisierte Milizen in Unterzahl Die Extremisten des 6. Jänner waren in ihrer Mehrheit nicht Mitglieder einer extremistischen Gruppe. Von denen, die auf der Anklagebank landeten, hatten rund 85 Prozent keine Kontakte zu rechtsextremen Organisationen. Gewiss, es gab sie, die straff organisierten Milizen, deren Kombattanten detaillierte Gebäudepläne austauschten, einander in sozialen Medien aufforderten, Schusswaffen und Munition mitzubringen und darüber diskutierten, welche Politikerin, welchen Politiker man zuerst ins Visier nehmen soll. Filme von Handykameras dokumentieren, wie sie vorgingen. 15 Prozent der an der Attacke Beteiligten hatten beim Militär gedient. Das alles lässt auf gründliche Vorbereitung schließen, weniger auf eine spontane Aktion. Dennoch, schlussfolgert das CPOST-Team, sei die Wahrheit differenzierter – und damit erst recht ernüchternd.

Wer erstürmte vor einem Jahr das US-Kapitol? - USA - derStandard.de › International







26 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen