Die armen Länder der Welt finanzieren die Entwickelung der reichen Länder, nicht umgekehrt

Der Globale Norden entzieht dem Süden Rohstoffe im Wert von 2,2 Billionen Dollar pro Jahr. Diese Summe würde ausreichen, um die extreme Armut fünfzehnfach zu beenden, weltweit

Grafik des kubanischen Künstlers Falco (Alex Falco Chang) Quelle:cubasi

Wir wissen schon lange, dass der industrielle Aufstieg der reichen Länder auf der Ausbeutung des Globalen Südens während der Kolonialzeit beruhte. Die industrielle Revolution in Europa stützte sich größtenteils auf Baumwolle und Zucker, die auf Land angebaut wurden, das den amerikanischen Indigenen gestohlen wurde – und mit Zwangsarbeit von versklavten Afrikaner:innen. Die Ausbeutung Asiens und Afrikas wurde zur Finanzierung von Infrastruktur, öffentlichen Gebäuden und Wohlfahrtsstaaten in Europa genutzt – all den Kennzeichen moderner Entwicklung. Die Kosten für den Süden waren indes katastrophal: Genozid, Enteignung, Hungersnot und massenhafte Verarmung. Die imperialen Mächte zogen die meisten ihrer Fahnen und Armeen schließlich Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem Süden ab. Aber in den folgenden Jahrzehnten argumentierten Ökonomen und Historiker in Verbindung mit der "Dependenztheorie", dass die zugrunde liegenden Muster kolonialer Aneignung bestehen blieben und weiterhin die Weltwirtschaft bestimmten. Der Imperialismus habe nie aufgehört, erklärten sie – sondern nur seine Form geändert Sie hatten Recht. Jüngste Forschungen zeigen, dass die reichen Länder sich nach wie vor auf eine große Nettoaneignung aus dem globalen Süden stützen, einschließlich mehrere zehn Milliarden Tonnen Rohstoffe und Hunderte von Milliarden Stunden menschlicher Arbeit pro Jahr – die nicht nur in Primärgütern, sondern auch in Hightech-Industriegütern wie Smartphones, Laptops, Computerchips und Autos enthalten sind, die in den letzten Jahrzehnten überwiegend im Süden hergestellt wurden. Dieser Fluss der Nettoaneignung entsteht, weil die Preise im Süden systematisch niedriger sind als im Norden. So betragen die Löhne, die Arbeiter:innen im Süden bezahlt werden, im Durchschnitt nur ein Fünftel der Löhne im Norden. Das bedeutet, dass der Süden für jede Einheit investierter Arbeit und Ressourcen, die er aus dem Norden importiert, viel mehr Einheiten exportieren muss, um sie zu bezahlen. Die Ökonomen Samir Amin und Arghiri Emmanuel haben dies als "versteckten Werttransfer" aus dem Süden beschrieben, der das hohe Einkommens- und Konsumniveau im Norden aufrechterhält. Dieser "Abfluss" erfolgt subtil und fast unsichtbar, ohne die offene Gewalt der kolonialen Besatzung und daher, ohne Protest und moralische Empörung hervorzurufen. In einem kürzlich in der Zeitschrift New Political Economy veröffentlichten Beitrag haben wir auf der Arbeit von Amin und anderen aufgebaut, um das Ausmaß der Abflussmengen durch ungleichen Austausch in der postkolonialen Ära zu berechnen. Wir fanden heraus, dass sie in den 1980er und 1990er Jahren dramatisch zunahmen, als überall im Globalen Süden neoliberale Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen wurden. Heute entzieht der Globale Norden dem Süden Rohstoffe im Wert von 2,2 Billionen Dollar pro Jahr, in Preisen des Nordens. Ins Verhältnis gesetzt: Diese Summe würde ausreichen, um die extreme Armut weltweit fünfzehnfach zu beenden. Über den gesamten Zeitraum von 1960 bis heute beträgt der Abfluss real 62 Billionen Dollar. Wäre dieser Wert vom Süden behalten worden und hätte zum Wachstum des Südens beigetragen, wäre er heute – legt man die Wachstumsraten des Südens in diesem Zeitraum zugrunde – 152 Billionen Dollar wert. Dies sind ungeheure Summen. Für den Globalen Norden (und hier meinen wir die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Israel, Japan, Korea und die reichen Volkswirtschaften Europas) sind die Gewinne so groß, dass sie in den letzten Jahrzehnten die Rate des Wirtschaftswachstum überstiegen haben. In anderen Worten, das Nettowachstum im Norden beruht auf der Aneignung aus dem Rest der Welt. Für den Süden übersteigen die Verluste die ausländischen Hilfeleistungen bei weitem. Für jeden Dollar an Hilfe, den der Süden erhält, verliert er allein durch ungleiche Austauschverhältnisse 14 Dollar an Abfluss. Und dabei sind andere Arten von Verlusten wie illegale Finanzabflüsse und Gewinnrückführung noch gar nicht berücksichtigt. Natürlich variiert diese Zahl von Land zu Land – in einigen ist es höher als in anderen –, aber in allen Fällen verschleiert der "Hilfe"-Diskurs eine dunklere Realität der Ausplünderung. Arme Länder entwickeln reiche Länder, nicht umgekehrt. Neoklassische Ökonomen neigen dazu, niedrige Löhne im Süden als "natürlich" anzusehen – als eine Art neutrale Folge des Marktes. Aber Amin und andere Ökonomen aus dem Globalen Süden argumentieren, dass Lohnungleichheiten eine Folge politischer Macht sind. Die reichen Länder haben ein Monopol auf die Entscheidungen in der Weltbank und im IWF, sie haben die meiste Verhandlungsmacht in der Welthandelsorganisation, sie nutzen ihre Macht als Kreditgeber, um die Wirtschaftspolitik in Schuldnerländern zu diktieren, und sie kontrollieren 97 Prozent der weltweiten Patente. Die Staaten und Unternehmen des Nordens nutzen diese Macht zu ihrem Vorteil, um die Preise für Arbeit und Ressourcen im globalen Süden zu drücken,. Das ermöglicht ihnen, durch Handel eine Nettoaneignung zu erzielen. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme des IWF Löhne und Beschäftigung im öffentlichen Sektor gestrichen und gleichzeitig Arbeitsrechte und andere Schutzbestimmungen abgebaut. All dies machte Arbeitskräfte und Ressource billiger. Heute sind arme Länder strukturell von ausländischen Investitionen abhängig und haben keine andere Wahl, als miteinander zu konkurrieren und billige Arbeitskräfte und Ressourcen anzubieten, um den Herren des internationalen Finanzwesens zu gefallen. Das sichert einen ständigen Strom von Wegwerfartikeln und Fast Fashion für die kaufkräftigen Verbraucher im Norden, jedoch zu gewaltigen Kosten für Menschenleben und Ökosysteme im Süden. Es gibt mehrere Wege, dieses Problem zu lösen. Einer davon wäre die Demokratisierung der Institutionen der globalen Wirtschaftskontrolle, so dass die armen Länder ein faires Mitspracherecht bei der Festlegung der Handels- und Finanzbedingungen haben. Ein weiterer Schritt wäre sicherzustellen, dass die armen Länder das Recht haben, Zölle, Subventionen und andere industriepolitische Maßnahmen zu nutzen, um ihre souveräne wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aufzubauen. Wir könnten auch Schritte gehen in Richtung eines globalen Systems existenzsichernder Einkommen und Löhne und eines internationalen Rahmens für Umweltbestimmungen, die eine Untergrenze für Arbeits- und Rohstoffpreise setzen. All dies würde den Süden befähigen, einen gerechteren Anteil an den Einkünften aus dem internationalen Handel zu erzielen und seine Länder frei zu machen, um ihre Ressourcen für die Beseitigung der Armut und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu mobilisieren. Aber diese Ziele zu erreichen, wird nicht einfach sein; es erfordert eine organisierte Front der sozialen Bewegungen für eine gerechtere Welt, gegen diejenigen, die vom Status quo so ungeheuer profitieren.

Jason Hickel, Großbritannien, Wirtschaftsanthropologe Dylan Sullivan, Doktorand in der Abteilung für politische Ökonomie an der Universität von Sydney Huzaifa Zoomkawala, Unabhängiger Wissenschaftler und Datenanalyst in Karatschi

https://amerika21.de/analyse/258138/arme-laender-entwickeln-reiche-laender


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