Der Konflikt in der Sahelzone breitet sich von den Rändern ins Zentrum aus

Internationale Friedensmissionen - an denen auch die Bundeswehr beteiligt ist - schaffen nicht mehr Sicherheit. Gerade in Mali gelten sie seit langem als gescheitert.

Expert:innen vor Ort fordern deshalb, die Bevölkerung bei der Suche nach Lösungen endlich einzubeziehen. Als ebenso wichtig gilt allerdings ein funktionierender und verlässlicher Staat. Davon ist vielerorts jedoch kaum etwas zu spüren. Die Folgen der Klimakrise und schwindende Ressourcen haben diese Konflikte zwischen Hirten und Landwirten weiter geschürt. Mangelnde Ausbildung, vor allem aber die damit einhergehende Perspektivlosigkeit gilt als Nährboden für Terrorgruppen und Banden. Staatliche Programme zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und Zugang zu Krediten fehlen fast überall oder erreichen nur einen viel zu kleinen Personenkreis.



Auszüge aus dem Standard und Südwind

Der Konflikt in der Sahelzone breitet sich von den Rändern ins Zentrum aus – und hat vor allem Burkina Faso, Mali und den Niger zu Brennpunkten von Gewalt gemacht

Lokale Koranschulen haben als einzige geöffnet, während die Türen von öffentlichen Schulen geschlossen sind. "Unterricht gibt es ansonsten nicht", sagt Fatimata Ourba. Der Grund für die Schulschließung ist nicht die Covid-19-Krise. In den Ländern im Zentrum der Sahelzone stehen Schulen im Visier von Terroristen. Bewaffnete Banden brennen in Burkina Faso immer wieder auch Schulgebäude nieder und greifen Lehrer:innen und Schüler:innen an. Nach Angaben des burkinischen Bildungsministeriums sind über 2.200 Schulen aufgrund der Unsicherheit geschlossen. Mehr als 300.000 Mädchen und Buben haben keinen Unterricht.


Eine sich ausweitende Krise

Die Sahelzone, die sich von Senegal und Mauretanien über Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad bis in den Sudan erstreckt, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert wie kaum eine andere Region auf der Welt. Der Alltag der Bevölkerung ist von Unsicherheit und Perspektivlosigkeit geprägt. Zunehmend zwingen Anschläge und bewaffnete Kriminalität die Menschen zur Flucht.


Nach Einschätzung des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC) ereignet sich in Burkina Faso die am schnellsten wachsende humanitäre Krise weltweit. Die schwere wirtschaftliche Krise in der Region ist nicht zuletzt eine Folge des Terrorismus und der Konflikte. Nach Informationen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen sind mehr als 1,2 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht. Mal starben bei Angriffen rund 30, mal mehr als 60 Personen. Verhindern konnte die Armee das nicht. Auch in Bamako, der Hauptstadt von Mali, wächst der Druck, jeden Tag genug zum Überleben zu finden.


In den vergangenen zehn Jahren haben sich Bewegungen, die sowohl Al-Kaida als auch dem "Islamischen Staat" nahestehen, in der Region ausgebreitet.

Für Issoufou Yahaa, Professor an der Abdou-Moumouni-Universität in der nigrischen Hauptstadt Niamey, stand schon vor Jahren fest, dass die Anhänger der Gruppierungen mehr Söldner und weniger religiös motiviert sind. Je nach Situation schließen sie sich unterschiedlichen Bewegungen an.


Nach Einschätzung der Denkfabrik International Crisis Group (ICG) mit Sitz in Brüssel ist längst ein Korridor vom Tschadsee durch die Sahelzone bis in den Norden Malis entstanden, über den Söldner ausgetauscht sowie Waffen, Menschen und Drogen geschmuggelt werden.

Eine Entwicklung ist in der gesamten Region zu beobachten: Betroffen sind zuerst schlecht gesicherte Grenzregionen, die weit entfernt von den politischen und wirtschaftlichen Machtzentren liegen. Von den Rändern breitet sich die Gewalt ins Landesinnere aus.

Verlust staatlicher Kontrolle


Dass sich Terrorbewegungen, lokale Banden und das organisierte Verbrechen – gerade für Überfälle sind längst nicht nur Extremisten verantwortlich – derart ausbreiten konnten, liegt vor allem am Staatsversagen. Ab Ende 2011 kämpften im Norden Malis Anhänger:innen der Nationalen Bewegung zur Befreiung des Azawad (MNLA) gegen die malische Armee und für einen eigenen Tuareg-Staat. Die Unzufriedenheit mit der Regierung von Bamako hatte sich erneut aufgestaut. Es handelte sich um die dritte Tuareg-Rebellion. Der erste Aufstand fand zwischen 1962 und 1964 und der zweite von 1990 bis 1995 statt. Der Verlust der staatlichen Kontrolle vor zehn Jahren öffnete wiederum Terrorgruppen die Tore.


Die Gewalt hat sich weiter ins Zentrum von Mali ausgebreitet. Dort kommt es seit Jahren zunehmend zu Ausschreitungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, den Dogon, die überwiegend Landwirtschaft betreiben, und den Peul, Mitgliedern einer ethnischen Gruppe, die in vielen anglophonen Ländern Westafrikas als Fulani bekannt ist. Sie halten Vieh, und viele leben bis heute als Halbnomaden. Dabei geht es auch um die Kontrolle von Weide- und Ackerland.


Die Folgen der Klimakrise und schwindende Ressourcen haben diese Konflikte weiter geschürt. Beide haben Milizen gegründet, die sich gegenseitig bekämpfen. Querverbindungen zu Terrorgruppen existieren.


Burkina Faso im Fokus

Eines macht in Burkina Faso jedoch besonders Sorge: Das Land galt jahrzehntelang als beispielhaft für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen und Religionen. Man schützte sich gegenseitig. Gezielte Angriffe, etwa auf Kirchen und ethnische Gruppen, schüren Misstrauen und sorgen dafür, dass Nachbar:innen, einstige Freund:innen und Familienmitglieder nicht mehr notwendigerweise aufeinander aufpassen. Das erleichtert Kriminellen wiederum das Handwerk.


Stille Reserven

Mangelnde Ausbildung, vor allem aber die damit einhergehende Perspektivlosigkeit gilt als Nährboden für Terrorgruppen und Banden.

Staatliche Programme zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit und Zugang zu Krediten fehlen fast überall oder erreichen nur einen viel zu kleinen Personenkreis. Das System der stillen Reserven wird auch in anderen Regionen praktiziert, etwa am Tschadsee, aus denen sich der Staat längst zurückgezogen hat und wo ganze Dörfer, aber auch der Handel von Terrormilizen kontrolliert werden. So paradox es klingt: Ein solches System schafft eine Art Sicherheit gegenüber anderen, konkurrierenden Gruppierungen.

Internationale Friedensmissionen tun das indes nicht. Gerade in Mali gelten sie seit langem als gescheitert. Expert:innen vor Ort fordern deshalb, die Bevölkerung bei der Suche nach Lösungen endlich einzubeziehen. Als ebenso wichtig gilt allerdings ein funktionierender und verlässlicher Staat. Davon ist vielerorts jedoch kaum etwas zu spüren. (Katrin Gänsler aus Cotonou, Südwind-Magazin, Nr. 9–10, September/Oktober 2021)

https://www.derstandard.at/story/2000129160632/schlechte-nachrichten-aus-dem-sahel



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