Afrikaner bekommt Literaturnobelpreis: Flucht und Migration ist sein Thema, selbst ein Migrant

Gerade dieser Blick ins Kleine erlaubt Gurnah eine umso präzisere Analyse von Herrschaft, Abhängigkeit und Opportunismus, wie am Beispiel des Protagonisten von Gurnahs Roman Das verlorene Paradies: Als Kind von seinen Eltern als Hausdiener an einen arabischen Sklavenhändler verkauft wird er schließlich von seinem Meister verstoßen und rennt prompt den gerade auf den Plan getretenen deutschen Kolonialtruppen hinterher. Er hat gelernt, vor der Freiheit Angst zu haben; was läge da näher als der Dienst für die neuen Herren Ostafrikas?


Abdulrazak Gurnahs Romane stellen die komplexen Beziehungen zwischen Kulturen und Machtpolen heraus; die Vielstimmigkeit Sansibars wird dabei nie zu einer multikulturellen Utopie überhöht. Gurnahs Werk verweigert sich jener Polarität, in der der Gegensatz zwischen Kolonialherren und Kolonisierten zur einzig wichtigen Unterscheidung wird und die Widersprüche kolonialer und postkolonialer Lebenswelten unter den Teppich verschwinden. Gerade dies macht Gurnahs Analyse kolonialer Macht so "kompromisslos" und doch gleichzeitig "mitfühlend", wie die Nobelpreis-Jury es ihm bescheinigte. Dass Gurnahs Werk in Deutschland bisher vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat und in weiten Teilen noch nicht aus dem Englischen übersetzt ist, ist umso bedauerlicher angesichts der herausgehobenen Rolle, die das deutsche Kolonialreich in vielen seiner Texte spielt, zuletzt in seinem 2020 erschienen Roman Afterlives.

Für die jüngst stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückte Diskussion über den deutschen Kolonialismus kommt der Nobelpreis für Abdulrazak Gurnah somit zur rechten Zeit. Sie kann in seinen Texten eine literarische und gerade deshalb einschneidende Analyse kolonialer Herrschaft gewinnen

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