Covid: Arme Menschen stecken sich öfter an, landen öfter auf der Intensivstation, sterben häufiger

Auszüge aus der WOZ aus der Schweiz: Wer fährt denn in Zeiten des Abstandhaltens noch Straßenbahn? Menschen, die weder im Homeoffice arbeiten können noch ein Auto ihr Eigen nennen – also die eher wenig Begüterten. Wer in der Schweiz – einem der reichsten Länder der Welt – arm ist, kann sich schlechter vor Covid-19 schützen. Arme Menschen stecken sich öfter an, landen öfter mit schweren Verläufen auf der Intensivstation, sterben häufiger. Das Virus als grosser Gleichmacher, als demokratische Krankheit: Falscher könnte diese gerade zu Beginn der Pandemie weitverbreitete Ansicht nicht sein.

Die ForscherInnen haben über einen Zeitraum von rund einem Jahr 2,5 Millionen Coronatests, Tausende Spitaleinweisungen, Intensiv- und Todesfälle untersucht. Die Daten, zur Verfügung gestellt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), verknüpften sie mit Faktoren wie Miete und Beruf, Bildungsstand und Wohnfläche pro Kopf, auf Basis der Bevölkerungszählung aus dem Jahr 2000 und heruntergerechnet auf Quartiere und Strassen. Dadurch kamen sie für jede Nachbarschaft im Land auf einen Index; je höher dieser ist, desto bessergestellt eine Gegend. So liess sich zeigen, wo sich die Menschen weniger testen lassen konnten, sich häufiger ansteckten und schwer oder tödlich erkrankten.

Dass zwischen dem sogenannten sozioökonomischen Status und dem Gesundheitszustand eines Menschen ein Zusammenhang besteht, ist nicht neu. Dank Eggers Studie steht dieser Zusammenhang aber auch für Corona in der Schweiz nun schwarz auf weiss. Unter den zehn ärmsten Prozent der Bevölkerung mussten 28,5 von 100 000 Personen in Intensivpflege, bei den reichsten zehn Prozent waren es 13, weniger als die Hälfte. In der prekärsten Gruppe starben 81 von 100 000 EinwohnerInnen an Corona gegenüber 56 bei der wohlhabendsten.

«Die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung folgt sozioökonomischen Mustern», bestätigt Matthias Egger im Gespräch. Das zeige sich dann natürlich auch während einer Pandemie. Die Spirale fange schon früh im Leben an: Kinder armer Eltern würden schlechter ernährt und weniger gebildet, später seien sie häufiger bei der Arbeit exponiert, litten an Stress und chronischen Krankheiten wie hohem Blutdruck, Diabetes oder Krebs, machten weniger Sport und lebten insgesamt ungesünder. Armut ist offensichtlich ein Gesundheitsrisiko. Und laut dem Bundesamt für Statistik galten schon vor Corona knapp neun Prozent der Bevölkerung als arm, weitere sechzehn Prozent als armutsgefährdet, was im europäischen Vergleich eine der höchsten Quoten ist.

Seither ist die Armut weiter gestiegen. Und Corona ist ein Klassenvirus. Jene, die sich nicht ins sichere Homeoffice zurückziehen konnten, waren ihm stärker ausgeliefert – in Spitälern und auf Baustellen, in Restaurantküchen und an den Supermarktkassen, in engen Asylunterkünften oder winzigen Stadtwohnungen. Diese Menschen sind zudem stärker von Existenzängsten geplagt und entsprechend mehr gestresst, auch das ein Krankheitsrisiko. Nachgewiesen haben die WissenschaftlerInnen den Zusammenhang aber nicht nur bei den Coronaerkrankungen. «In ärmeren Nachbarschaften wurde weniger getestet: weil der Zugang schlechter war, man genug Zeit haben muss, weil die Informationen schlechter durchdrangen oder sich die Leute bewusst nicht testen liessen aus Angst, in Quarantäne zu müssen und deshalb den Job zu verlieren», sagt Egger, der zu Beginn der Pandemie die wissenschaftliche Taskforce des Bundes leitete. Gemäss einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts lag in Deutschland die Sterblichkeit in sozial benachteiligten Quartieren während der zweiten Welle fünfzig bis siebzig Prozent höher als in reichen Gegenden. Mehrere Studien stellten zudem einen «Ischgl-Effekt» fest: Zu Beginn steckten sich überwiegend Wohlhabende an, vermutlich eben beim Skifahren oder auf Geschäftsreisen, und trugen das Virus in ihre Quartiere. Als im Sommer die Ansteckungszahlen sanken, blieben sie in armen Gegenden höher, später infizierten sich dann vor allem die Prekarisierten. Für die Schweiz kann Epidemiologe Egger einen solchen Effekt allerdings nicht bestätigen. Im angelsächsischen Raum ist der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit schon lange Thema. In Bezug auf Corona wusste man in den USA schon letzten Frühling, dass Schwarze Menschen doppelt so oft am Virus sterben wie Weisse. In Grossbritannien fand man heraus: Je ärmer jemand ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ins Spital zu müssen, was ebenfalls überproportional Angehörige von Minderheiten betrifft. In beiden Ländern werden auf Totenscheinen Ethnie oder Beruf erfasst, weshalb man dort generell mehr über Infektionsketten und Risikofaktoren weiss. Im deutschsprachigen Raum ist das fehlende Problembewusstsein auch der schlechten Datenlage geschuldet.

mehr:

https://www.woz.ch/2118/ungleichheit/corona-ist-ein-klassenvirus

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