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Außenpolitik bedarf radikaler Kritik. Ihre Erfindung machte Frankreich zur ersten modernen Großmacht

Ekkehart Krippendorff Kritik der Außenpolitik: Die Ehrgeizigsten aller politischen Klassen hoffen auf dem Feld der Außenpolitik in die Geschichte einzugehen, wahrhaft zu „regieren“ und Macht über Menschen im großen Stil auszuüben. Darum bedarf Außenpolitik der radikalen Kritik, aber auch konstruktiver Alternativen. Diese Aufgabe, sich kritisch mit der Außenpolitik des eigenen, aber auch anderer Staaten auseinanderzusetzen, legte die Internationale Arbeiterassoziation bei ihrem ersten Treffen 1864 in London schon den Kräften auf, die für Emanzipation der arbeitenden Klassen eintreten:

"Wenn die Emanzipation der Arbeiterklassen das Zusammenwirken verschiedener Nationen erheischt, wie jenes große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik, die frevelhafte Zwecke verfolgt, mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet? Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heroische Widerstand der englischen Arbeiterklasse gegen ihre verbrecherische Torheit bewahrte den Westen Europas vor einer transatlantischen Kreuzfahrt für die Verewigung und Propaganda der Sklaverei. (..) die ungeheuren und ohne Widerstand erlaubten Übergriffe (..) haben den Arbeiterklassen die Pflicht gelehrt, in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Akte ihrer respektiven Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Ein Element des Erfolges besitzt sie, die Zahl. Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet. Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Mißachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinanderzustehen (..) Proletarier aller Länder, vereinigt euch! (Karl Marx - Inauguraladresse der internationalen Arbeiter-Assozoation (mlwerke.de))



Die Erfindung der Außenpolitik

von Ekkehart Krippendorf


Außenpolitik ist ein Begriff, der so geläufig ist, dass man meinen möchte, es habe sie schon immer gegeben und als sei sie Teil der Geschichte, so weit wir diese als organisierte Geschichte von Gesellschaften und Staaten, auch der antiken, jedenfalls aber der vormodernen Staaten und Gesellschaften kennen. Die Außenpolitik aber musste tatsächlich erst erfunden, entdeckt und als spezifisches Terrain politischen Handelns erkannt werden, um erst dann „auf ihren Begriff gebracht“ werden zu können. Das geschah in der europäischen Neuzeit und ungefähr in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der mit dem schon damals als epochales Ereignis registrierten Westfälischen Frieden, zu Ende gebracht wurde. Die historische politische Soziologie ist sich überwiegend darin einig, das Jahr 1648 als das Geburtsjahr des modernen Staates zu bezeichnen, jener nicht zuletzt von Max Weber unübertroffen definierten Herrschaftsformation, die u.a. charakterisiert ist durch ihre Territorialität, stehende Heere, Anstaltscharakter und Bürokratie, durch die ideologische Homogenisierung der ihr unterworfenen Bevölkerungen, wie sie erstmals im „cuius regio eius religio“ des Augsburger Religionsfriedens (1555) zum Ausdruck kam, durch ihre aktive Förderung von Handel und Gewerbe, durch einen in der Regel absolutistisch regierenden Monarchen und schließlich durch das „Monopol physischer Gewaltsamkeit“.


Zwar hat es stabile, rechtsförmige Beziehungen zwischen zentral regierten Reichen bzw. deren Herrschern so weit zurückliegend gegeben, wie es diese Großreiche gab I , zwar gilt Thukydides zu Recht als der erste Entdecker der "Machtpolitik" und Perikles als deren frühester Repräsentant; aber auch wenn die Griechen für sich den historischen Ruhm beanspruchen dürfen, die Politik selbst entdeckt und erfunden zu haben: Die Außenpolitik, die Staaten zu Akteuren und Handlungseinheiten hat, sie tritt auf die Bühne der Weltgeschichte erst mit dem modernen Staat und unterscheidet sich darum deutlich und grundlegend von allen früheren Formen zwischen-herrscherlicher Beziehungen.


Die Diplomatiegeschichte

Ekkehart Krippendorff hat die Anfänge der Außenpolitik, der Entdeckung und systematischen "Theoretisierung" dieser spezifisch neuzeitlichen politischen Tätigkeit, bei den italienischen Stadtrepubliken des 15. und 16. Jahrhunderts aufgespürt. Und kein geringerer als Machiavelli ist einer ihrer größten frühen Vertreter, als Analytiker so gut wie als Handelnder. Die Republik Venedig insbesondere unterhielt damals das beste und umfassendste Informationsnetz irgendeiner europäischen Macht, weit besser und zuverlässiger als das der römischen Kurie. Aber erst mit der Konsolidierung und gegenseitigen Anerkennung als moderne Staaten wird Außenpolitik zur Außenpolitik. Tatsächlich könnte man - in vereinfachender Zuspitzung - sogar sagen, daß Außenpolitik überhaupt erst mit einem konkreten Staat auf die Bühne der Weltgeschichte tritt, der seinerseits das Produkt eines auf seine furchtbare Weise genialen politischen Fanatikers ist: Frankreich und Richelieu. Das historische Urteil über Richelieu mag so kontrovers ausfallen, wie es nur will - an einer Tatsache führt kein Weg vorbei: Richelieu hat, gestützt auf einen schwachen, aber ehrgeizigen König, Ludwig XIII., den französischen Staat, der im Begriffe war, das Opfer von religiös motivierten Bürgerkriegen und ambitionierten Adelscliquen zu werden, also auseinanderzufallen und von spanischen, österreichisch-habsburgischen und englischen Gebietsansprüchen dezimiert zu werden, durch einen mit allen Mitteln geführten Krieg gegen alle Schichten und Klassen des eigenen Volkes zur ersten europäischen Großmacht gemacht, die diesen Namen verdiente.

Das Spanien Karls V., in dessen Reich bekanntlich "die Sonne nicht unterging", war natürlich eine "Großmacht" gewesen vor Richelieus Frankreich, und der dann abgetrennte östliche Reichsteil mit der Hauptstadt Wien war und blieb es ebenso - aber beide waren Hegemonialreiche, ihre Dynasten herrschten über viele Völker und Fürsten, nicht aber wie Frankreich über einen nationalen Territorialstaat. Diesen nationalen Territorialstaat oder territorialen Nationalstaat mit List und Gewalt, mit Krieg gegen das eigene Volk, Mord an den Gegnern aus der eigenen politischen Klasse, rücksichtsloser Abpressung von Steuern und Abgaben, brutalster Unterdrückung zahlloser Aufstände und Rebellionen der bis aufs Blut ausgebeuteten Bauernbevölkerung geschaffen und seinem Monarchen "zu Füßen gelegt" zu haben, das war das Werk des Kardinals Richelieu.


Ludwig XIII. selbst hatte kaum mehr etwas davon, er starb kurz nach seinem mephistophelischen Gehilfen, als das "große Werk" so gut wie vollendet war. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, konnte dann die Früchte ernten. Richelieu war nicht nur "der größte Außenpolitiker Frankreichs" (earl J. Burckhardt), er war der eigentliche Erfinder der modernen Außenpolitik, die dann 1648, sechs Jahre nach seinem Tod, sozusagen offiziell aus der Taufe gehoben wurde: Richelieu, der Frankreich von 1624 bis 1642 regierte, hatte die modernen Staaten ihre außenpolitische Staatsräson gelehrt. Die Maximen, die Richelieu der Außenpolitik seines Staates Frankreich zugrunde legte, die Kategorien, in denen er die europäische und gleichzeitig auch die außereuropäische politische Gesellschaft erkannte und nach deren Erkenntnis er die Wirklichkeit behandelte, sind zu Maximen und Kategorien des außenpolitischen Diskurses überhaupt geworden. Sie haben sich in den Köpfen und Weltbildern sei es..



2 hat die Anfange der Au- * Eine spätere, in einigen Teilen abweichende Fassung dieses Textes findet sich als erstes Kapitel in dem 2000 bei Suhrkamp erschienenen Buch von Ekkehart Krippendorff "Kritik der Außenpolitik". Der älteste uns bekannte Staatsvertrag wurde 1259/58 v.dZ. zwischen Ägypten und dem Hethiterreich abgeschlossen.

2 Der Begriff der "Diplomatie" leitet sich ab vom griechischen "diploun", was so viel heißt wie "falten". Im Römischen Imperium bestanden Reisepässe zum freien Geleit auf den kaiserlichen Straßen aus zusammengelegten, "gefalteten" Metallscheiben, genannt "diploma". Aus dem "diploma" gingen dann alle offiziellen Dokumente, insbesondere Verträge hervor, die in Archiven von Berufsarchivaren aufbewahrt, entziffert und registriert wurden - "res diplomatica". Für diese historische Tätigkeit und Funktion, also das Aufbewahren und Studium von Verträgen und "internationalen" Verhandlungen, hat sich der Begriff gehalten. Erst Ende des 18. Jahrhunderts begann er im Sinne des außenpolitischen Verhandeins benutzt zu werden, und den Berufsstand des "Diplomaten" gibt es offiziell erst seit dem Wiener Kongreß 1815 (vgl. Nicolson 1963).


Ekkehart Krippendorff

(* 22. März 1934 in Eisenach; † 27. Februar 2018 in Berlin) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war Professor am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Ekkehart Krippendorff studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, an der Eberhard Karls Universität Tübingen und an der FU Berlin. 1959 wurde er in Tübingen bei Theodor Eschenburg promoviert. Mit einem Fulbright-Stipendium war er 1960 bis 1961 an der Harvard University, danach von 1961 bis 1962 Assistent an der Yale University. Mithilfe eines Stipendiums der Rockefeller Foundation war Krippendorff 1962 bis 1963 an der Columbia University. Von 1963 bis 1968 war er Wissenschaftlicher Assistent am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Gleichzeitig erhielt er eine wöchentliche Kolumne beim Spandauer Volksblatt von dessen neuem Chefredakteur Hans Höppner.[1] Sein Vertrag wurde nicht verlängert, nachdem er im Mai 1965 den Rektor Herbert Lüers im Spandauer Volksblatt öffentlich scharf angegriffen hatte, mit dem Vorwurf, Lüers habe die geplante Teilnahme Erich Kubys und Karl Jaspers’ an einer Studentenversammlung (anlässlich des Kriegsendes vor 20 Jahren) verhindert, um deren Meinung zu unterdrücken. Zumindest bezüglich Kuby traf das zu, Jaspers hatte von sich aus abgesagt.[2] Obwohl Krippendorff sich einige Tage später öffentlich entschuldigte (wiederum im Spandauer Volksblatt), sah Lüers das Vertrauensverhältnis als zerstört an. Der Konflikt stand im Zusammenhang mit mehrjährigen Auseinandersetzungen der Universitätsleitung mit der Studentenschaft und Teilen des Lehrkörpers über das Recht, in Räumen der Universität politische Veranstaltungen durchzuführen. Lüers' einsame Entscheidung zog eine massive Krise nach sich; im Juli forderten 700 Universitätsangehörige seinen Rücktritt. Bekannte Professoren, unter ihnen etwa Helmut Gollwitzer und Peter Szondi, solidarisierten sich mit Krippendorff; Otto von der Gablentz etwa beschrieb den Vorgang in der ZEIT als Ausdruck der deutschen Autoritätsgläubigkeit. Es kam zu Disziplinarmaßnahmen und Rücktritten. Das Sommersemester 1965 wurde in West-Berlin unter dem Namen „Krippendorff-Semester“ bekannt.[3] Ende der 1960er Jahre gehörte er der SPD an und war Vorstandsmitglied des Republikanischen Clubs. Von 1968 bis 1969 war er Gastprofessor an der City University of New York und an der Columbia University. 1970 bis 1971 war er Gastprofessor an der Universität Siena. 1970 wurde seine Habilitation an der FU Berlin offensichtlich aus politischen Gründen abgelehnt, 1972 wurde er in Tübingen bei Eschenburg (der Krippendorffs politische Ansichten ebenfalls nicht teilte) habilitiert. 1969 wurde Krippendorff Professor für Internationale Beziehungen am Bologna Center der Johns Hopkins University in Bologna (Italien). Im Jahr 1973 verhinderte der baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn seine Berufung an die Universität Konstanz. 1975 war er Gastprofessor an der University of Sussex und 1976 bis 1979 Gastprofessor an der Universität Urbino. 1978 wechselte er auf die Professur für Politikwissenschaft und Politik Nordamerikas am Zentralinstitut John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin. 1985 war Krippendorff Gastprofessor für Friedensforschung an der Universität Tokio. Im Jahr 1999 wurde er emeritiert. Krippendorff war einer der Pioniere der Friedensforschung. Seit den 1980er Jahren beschäftigte er sich auch mit politischen Inhalten in Werken der Literatur und Oper, wobei er vor allem über Goethe und Shakespeare arbeitete. Seine Autobiographie veröffentlichte er 2012 im Verlag Graswurzelrevolution.




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