Anders als Deutschland: Frankreich verließ ab 2011 den "amerikanischen Krieg" in Afghanistan

Frankreich schon relativ früh zum Schluss gekommen, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen ist und hatte als erstes westliches Land seine Armee aus Afghanistan zurückgezogen. Schon vorher hatten 2008 Experten Verhandlungen mit den Taliban gefordert: Das hätte Zehntausenden das Leben gerettet und viele Milliarden Steuergelder. Auch jetzt hat Frankreichs Politik anders als die deutsche gehandelt und ihre Ortskräfte schon Wochen vor dem Machtwechsel in Kabul nach Frankreich geholt.


Auszüge aus NZZ


Bereits Anfang Mai, rund drei Monate vor dem Fall Kabuls, hat Frankreich begonnen, Familien aus Afghanistan auszufliegen. Das französische Aussenministerium hatte rund 600 Personen angeboten, ihnen das Flugticket zu bezahlen, sie in Frankreich für einige Zeit unterzubringen und sie beim Asylprozess zu begleiten. Der Kreis der möglichen Kandidaten war weit gezogen worden: Nicht nur frühere und noch aktive Übersetzer und Informanten französischer Organisationen hätten das Angebot erhalten, sondern auch Köche, Chauffeure und Reinigungspersonal, berichtete die Zeitung «Le Monde». Sie hatte das Vorgehen, zu dem sich das Ministerium bis heute nicht offiziell äussert, publik gemacht.


Von Sarkozy eingeleitet, von Hollande forciert

Es ist nicht das erste Mal, dass man in Paris eine pessimistischere Einschätzung der Lage in Afghanistan hat und daraus eigenwillig Konsequenzen zieht. Zwar beteiligte sich Frankreich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 an dem internationalen Militäreinsatz am Hindukusch. Doch haben die Franzosen bereits 2011 mit dem Truppenrückzug begonnen – als erstes westliches Land überhaupt. Den Kampfeinsatz beendeten sie schliesslich Ende 2012, zwei Jahre vor dem Ende der Nato-Mission Isaf.



Das französische Kontingent war in der Provinz Kapisa, nordöstlich von Kabul, stationiert. Dort war es immer wieder Angriffen ausgesetzt. Unter anderem aufgrund dieser Erfahrung sei man in Frankreich schon relativ früh zum Schluss gekommen, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen sei, sagt Karim Pakzad, Afghanistan-Spezialist am Institut de relations internationales et stratégiques (Iris). Experten – unter anderem auch er – hätten sich bereits ab 2008 derart geäussert, auch öffentlich.


Der Krieg in Afghanistan wurde in Frankreich nach dem ersten Schock von 9/11 bald als amerikanischer Krieg gesehen. Den Franzosen sei es nie darum gegangen, einen Staat aufzubauen, sagt Pakzad. Nicolas Sarkozy, der sein Land nach 43 Jahren Sonderstatus wieder zum vollwertigen Mitglied der Nato machte und der transatlantischen Allianz etwas abgewinnen konnte, sicherte Washington dennoch den Einsatz der französischen Truppen bis zum Ende der Nato-Mission Isaf zu, das auf Ende 2014 terminiert war.

Doch das besonders verlustreiche Jahr 2011 – 25 von 89 gefallenen Soldaten in 11 Jahren – sowie ein tödlicher Angriff eines Mannes in der Uniform der afghanischen Armee brachten sogar den amerikafreundlichen Sarkozy dazu, seine Bündnispartner zu brüskieren und den beschleunigten Abzug zum Wahlkampfthema zu machen.

Pakzad spricht sich seit 2008 für Verhandlungen mit den Taliban aus, attestiert den Franzosen eine gewisse strategische Weitsicht – in der Vergangenheit wie auch in diesem Jahr, da Paris ehemaligen Mitarbeitern und Helfern relativ früh politisches Asyl angeboten hat.


https://www.nzz.ch/international/frankreich-hat-schon-frueh-am-afghanistan-einsatz-gezweifelt-ld.1642483



Artikel von Pakzad:

https://www.franceculture.fr/personne-karim-pakzad.html



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