Am Wahltag vor 38 Jahren hing das Leben am seidenen Faden! Lehren hat die Politik nicht gezogen

Aktualisiert: Sept 25


Stanislaw Petrow hatte 1983 den sowjetischen Luftraum zu überwachen. Das Vertrauen der Großmächte war zu der Zeit gleich Null. Sie trauten einander alles zu. Der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Jury Andropow, hatte die Überzeugung, dass die NATO einen atomaren Erstschlag auf die UdSSR vor hatte. Am 26. September signalisierten seine Computer ihm einen Raketenangriff der NATO. Nach seiner Dienstanordnung hätte er reagieren müssen. Doch er glaubte, dass es ein Computerfehler war, weil nur wenige Raketen im Anflug zu sein schienen. Er glaubte, dass die NATO mit vielen Raketen angreifen würde, wenn sie angreifen wollte. Er entschied sich, nichts zu tun. Und damit bewahrte er die Menschheit vor der Katastrophe. Als er aber später von der Idee in der NATO-Richtlinie erfuhr, mit wenigen Raketen einen Enthauptungsschlag - die Zerstörung der Kommandozentralen des Gegners - zu führen, erkläre er: Hätte ich das gewusst, hätte ich die Reaktion ausgelöst: Der atomare Krieg wäre da gewesen. In der Schule wird an diesem Beispiel nicht die Schwäche der globalen Friedensordnung verdeutlicht, nur Wenigen ist der Vorfall noch präsent, vor allem nicht den Jüngeren. Geben wir ihnen die Erfahrung weiter, damit sie selbst im Wissen der Gefahren entscheiden können, ob sie weiter mit dem Risiko leben wollen oder sich für den Aufbau einer Friedensordnung engagieren wollen, die solche Gefahren beseitigt.


Heute sind wir in der gleichen Lage: Die USA bezeichnen China als Feind, kreisen es militärisch ein, schmieden Bündnisse gegen China und erhöhen ihre Rüstungsausgaben immer weiter. Sie erklären, dass sie es nicht dulden werden, dass eine andere Macht so stark wird wie sie.

Die Staaten haben noch mehr und stärkere Atomwaffen als 1983. Die Menschheit hat noch keine Friedensordnung geschaffen, die eine atomare Katastrophe sicher verhindern könnte. Die USA und die NATO schließen den Ersteinsatz von Atomwaffen nicht aus.

US-Präsident Roosevelt hatte die US-Amerikaner mit den Argument für die Unterstützung des Aufbaus der UNO gewonnen, dass Krieg angesichts der Atomwaffen künftig die Menschheit zerstören werden. Deshalb müsste der Krieg verbannt und müssten alle Kriege mit friedlichen Mitteln gelöst werden.

Doch bald nach dem Ende des Krieges ging die Feindschaft, das Kriegführen und das Wettrüsten weiter. Die Menschheit hat nichts gelernt und ignoriert die tödliche Gefahr, resümierte Albert Einstein.

Die USA-Amerikaner haben angesichts der täglich wachsenden ökonomischen Stärke Chinas nur noch eine Möglichkeit, ihre Vorherrschaft zu verteidigen: Mit militärischen Mitteln. Sie haben durch Krieg versucht, die Ölquellen im Nahen und Mittleren Osten unter ihre Kontrolle zu bringen. Von ihnen sind heute alle Mächte abhängig, so wollte die USA dauerhaft ihre Vorherrschaft sichern. Dieser Versuch hat zwar Hunderttausenden das Leben gekostet und Millionen vertrieben, aber das Ziel nicht erreicht. Die USA wenden sich jetzt deshalb zur direkten Konfrontation mit China zu.

Wenn wir jetzt keine Bewegung gegen den Aufbau von Feindbildern hinbekommen und keine globale Koalition der Friedensaktiven von Unten, hängt unser Leben wieder am seidenen Faden. Lernen wir vom 26. September 1983, wie schnell es vorbei sein kann. Wir müssen davon ausgehen, dass nicht immer ein Stanislaw Petrow da sein wird.



"Um 0.15 Uhr schrillte die Sirene los"

Der Russe Stanislaw Petrow verhinderte 1983 einen Atomkrieg. Jetzt wird er dafür geehrt

Von Heike Vowinkel


Die Kongresshalle in Baden-Baden, der Deutsche Medienpreis wird verliehen. Im Publikum sitzen Veronica Ferres, Franziska van Almsick, Johannes B. Kerner, die Stars der Medienwelt. Auf der Bühne vier stille Friedensstifter, die afghanische Bildungsexpertin Sakena Yacoobi, der kongolesische Arzt Denis Mukwege, der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb. Und Stanislaw Petrow. Der kleine Mann mit weißem Haar und grauem Schnurrbart knetet die Hände, als er an der Reihe ist. Er wird als Letzter geehrt. Er ist es nicht gewohnt, im Rampenlicht zu stehen, es ist ihm sichtlich unangenehm. Die Entscheidung, die er am 26. September 1983 mitten in einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges traf, bewahrte die

Welt vor einem Atomkrieg. Oberstleutnant Stanislaw Petrow war damals diensthabender Leiter der geheimen Satellitenüberwachungsanlage der Sowjetunion, 90 Kilometer südlich von Moskau. An diesem Abend meldete der Computer den Angriff von US-Nuklearraketen.


Heike Vowinkel traf Petrow jetzt am Wochenende nach der Preisverleihung.


Die Welt: Erinnern Sie sich noch an die Stimmung des Jahres 1983?


Stanislaw Petrow: Oh ja, sehr gut sogar. Es war ein schwieriges Jahr. Es hatte viele Spannungen gegeben, beide Seiten, der Osten wie der Westen, rüsteten auf. Die Nato hatte Pershing-II-Raketen in Westeuropa aufgestellt, die auf sowjetisches Territorium zielten.

Präsident Reagan nannte uns ein Reich des Bösen, nachdem die Sowjetunion versehentlich eine südkoreanische Passagiermaschine abgeschossen hatte, die in unseren Luftraum über dem militärischen Sperrgebiet von Kamtschatka eingedrungen war. Mir war klar, dass wir noch nie so nah an einem dritten Weltkrieg waren wie damals.


Die Welt: Das war drei Wochen vor dem 26. September. Wie hatte Ihr Dienst an diesem Tag begonnen?

Stanislaw Petrow: Wie immer. Ich begann um 20 Uhr meine Schicht. Mit mir saßen noch acht weitere Soldaten im Raum. Etwa 80 Offiziere und Soldaten, die mir an diesem Abend ebenfalls unterstanden, saßen in anderen Räumen und Gebäuden. Wir alle taten, was wir immer taten, wir kontrollierten das Satellitensystem und die Rechenzentren. Ich analysierte die Informationen von zwei Satelliten und bereitete die Aktivierung eines dritten vor. Jeder

Schritt war genau festgelegt. Alles war wie immer, einfach Routine.


Die Welt: Bis es Mitternacht wurde ...

Stanislaw Petrow: Ja. Um 0.15 Uhr - ich werde die Uhrzeit nie vergessen - schrillte die Sirene los. Auf einer großen Wand gegenüber von meinem Arbeitsplatz, wo sonst immer nur ein graues Lichtband zu sehen war, leuchteten plötzlich blutrot die Buchstaben "START".

Auf dieser Wand war dann auch die Satellitenkarte von Nordamerika zu sehen. Man konnte darauf die Lichter der Städte sehen, wo Fabriken lagen, und eben in der Mitte eine Stelle, die ein Quadrat um eine Militärbasis zeigte, die Meldung für den Start einer Rakete.


Die Welt: Wie lange brauchten Sie, um zu verstehen, was das heißt?

Stanislaw Petrow: Gewusst habe ich das gleich. Wir haben es ja zwei Mal im Jahr geprobt. Aber wenn der Ernstfall dann eintritt, ist das wie ein Schock. Ich habe sekundenlang nur auf diese Wand starren können. Irgendwann bin ich aufgestanden, habe nach rechts und links zu meinen Männern geschaut und mich vorgebeugt, wo etwas weiter unten vier weitere Kollegen saßen. Sie alle starrten mich an.


Die Welt: Was erwarteten sie von Ihnen?

Stanislaw Petrow: Dass ich, so, wie es die Vorschriften vorsahen, Befehle gebe. Ich setzte mich also und befahl ihnen, sich auch zu setzen. Ich rief: alles auf mein Kommando, und forderte von jedem einen Rapport an.


Die Welt: Und was machten Sie?

Stanislaw Petrow: Ich analysierte die Daten des Computers. Bei mir liefen alle

Informationen zusammen, denn ich musste ja zu einem Urteil kommen, ob es sich um einen echten oder einen Fehlalarm handelte. Darüber musste ich die Armeeführung in der Kommandozentrale in Moskau dann informieren. In den Vorschriften stand nicht, wann genau ich dort anrufen müsste, doch ich wusste, mir blieb nicht viel Zeit, wenige Minuten nur. Es hätte weniger als eine halbe Stunde gedauert, bis eine Rakete auf unserem Territorium einträfe. Und ich musste der Führung ja genug Zeit für einen Gegenschlag lassen.


Die Welt: Was taten Sie dann?

Stanislaw Petrow: Ich schaute auf den Monitor, der die Satellitenbilder zeigte, darauf war keine Rakete zu sehen. Allerdings lag die Militärbasis, von der die Rakete gestartet sein sollte, auf der Tag-Nacht-Grenze. Es konnte daher auch daran liegen, dass ich nichts erkennen konnte. Ich fragte die für die visuelle Beobachtung zuständigen Experten, aber auch sie konnten nichts erkennen. Die Analyse des Computersystems ergab aber auch, dass alles funktionierte. Ich bin Systemanalytiker, ich weiß, dass so etwas nicht sein konnte.


Die Welt: Was dachten Sie?

Stanislaw Petrow: Ich hatte das Gefühl, mein Kopf sei auch ein Computer. Alle

Informationen liefen hin und her, aber sie passten nicht zusammen.


Die Welt: Hatte es früher schon mal Fehlermeldungen gegeben?

Stanislaw Petrow: Nein, das war es ja. Weder der Computer noch die visuelle Beobachtung hatten schon mal einen Defekt. Ich bezog also noch andere Erwägungen mit ein: strategische. Ich hatte gelernt, ein Angriff würde nicht mit einzelnen Raketen starten, sondern es würden viele Raketen gleichzeitig losgeschickt. Also fragte ich mich, ob eine Militärbasis einen Fehler gemacht haben könnte. Aber ich wusste, dass die Amerikaner so wie wir einen sehr

komplexen Mechanismus für den Start von Raketen hatten, es war nicht möglich, dass einer ohne Wissen der Militärführung einen solchen Start machte.


Die Welt: Dachten Sie auch an die Folgen, die Ihr Urteil haben könnte?

Stanislaw Petrow: Ja, sicher. Ich dachte an den Hühnereffekt: Ein Hahn fängt an zu krähen, und obwohl die Sonne noch gar nicht aufgegangen ist, legen alle anderen auch los. Ich wusste, wenn ich jetzt einen Fehler mache, könnte ich den dritten Weltkrieg auslösen. Also wollte ich ihn lieber gegen das System machen als mit ihm.


Die Welt: Hatten Sie keine Angst vor Konsequenzen, falls Sie eine falsche Entscheidung träfen?

Stanislaw Petrow: Nein, das hat in dem Moment überhaupt keine Rolle gespielt. Ich habe auch nicht an meine Familie gedacht oder so was. Ich wusste nur, von dieser Entscheidung hängt viel ab. Letztlich bin ich meiner Erfahrung und meinem Instinkt gefolgt, die mir sagten, da stimmt was nicht.


Die Welt: Wie lange dauerte es, bis Sie die Militärführung anriefen?

Stanislaw Petrow: Etwa zwei Minuten. Ich griff zum Hörer, der eine gesicherte Leitung zum Führungskommando ermöglichte. Ich sagte, dass die Informationen des Computers falsch seien, ein Fehlalarm. Der Mann am anderen Ende sagte nur: Verstanden. Aber in dem Moment ging die Sirene erneut los. Wieder leuchtete "START" auf der Wand. Ich ging zu einem anderen Telefon, mit dem ich weitere Experten der Systemanalyse zu Hause anrufen konnte, um sie reinzurufen. Als ich aufstand, waren meine Knie ganz weich. Während ich

anrief, gingen ein dritter, ein vierter und ein fünfter Alarm los.


Die Welt: Mussten Sie sich dann noch mal bei Ihren Vorgesetzten melden?

Stanislaw Petrow: Nein, denn ich blieb bei meiner Entscheidung. Die Informationen blieben ja die gleichen. Es war ja immer noch kurios, dass einzelne Raketen losgeschickt worden sein sollten statt vieler gleichzeitig. Ich hatte nichts zu revidieren.


Die Welt: Was passierte danach?

Stanislaw Petrow: Danach konnten wir nur noch darauf warten, dass der Radar die angeblichen Raketen erfasste, sobald sie in unseren Luftraum eingedrungen wären. Bei der ersten Rakete hätte das so etwa nach 18 Minuten passieren müssen. Das Warten war furchtbar. Aber als die Zeit verstrich und nichts zu sehen war, fiel eine unglaublich schwere Last von mir ab.


Die Welt: Als Sie nach Hause kamen, haben Sie da erzählt, was passiert war?

Stanislaw Petrow: Natürlich nicht, das war streng geheim. Ich hatte eine Vereinbarung mit meiner Frau, dass ich von meinem Job nichts erzählen würde. Das hat sie respektiert.


Die Welt: Und wann haben Sie erfahren, wie es zu diesem Fehlalarm gekommen ist?

Stanislaw Petrow: Etwa nach einem halben Jahr. Offenbar hatte eine sehr seltene

Konstellation der Sonne und des Satelliten dazu geführt, dass Strahlen so von der Erdoberfläche in den Satelliten gespiegelt wurden, dass es wie der Start einer Rakete aussah. Und das passierte auch noch ausgerechnet über einer Militärbasis. Ein so unwahrscheinlicher Zufall, das war schon teuflisch.


Die Welt: Bekamen Sie eine Auszeichnung?

Stanislaw Petrow: Ja, aber nicht für diesen Abend. Das hätte ja nie publik werden dürfen, selbst in Militärkreisen war es nur wenigen bekannt. Ich wurde mit anderen für meine Verdienste um das Satellitenprogramm ausgezeichnet.


Die Welt: Wie wurde das Ganze dann überhaupt bekannt?

Stanislaw Petrow: Mein Vorgesetzter von damals hatte 1993 in einem Beitrag der "Prawda" darüber berichtet. Irgendwie gelangte das dann ins Ausland. In Russland hat das aber nie jemanden wirklich interessiert.


Die Welt: Herr Petrow, sind Sie ein Held?

Stanislaw Petrow: Nein, ich bin kein Held. Ich habe einfach nur meinen Job richtig gemacht.


Die Welt: Aber Sie haben die Welt vor einem dritten Weltkrieg bewahrt.

Stanislaw Petrow: Das war nichts Besonderes.


Aus: Berliner Morgenpost vom 27.2.2012.


Petrows Entscheidung

Wie ein Oberstleutnant der sowjetischen Armee vor 25 Jahren den Untergang der Welt verhinderte und dafür zum Dank tausend Dollar erhielt.

Der 26. September 1983 ist der Tag, an dem sich Stanislaw Petrows Leben völlig veränderte. Der 44-jährige Oberstleutnant der Sowjetarmee arbeitet als eitender

Offizier im Kontrollraum der Kommandozentrale der Satellitenüberwachung Serpuchowo-15. Die Armee-Einheit, die etwa 90 Kilometer südlich von Moskau

liegt, soll vor Raketenangriffen aus dem erdnahen Weltraum warnen.

Die Arbeitsbedingungen sind streng, oft gibt es Probealarm.

Wenn aus dem Telefon das Lied Erhebe dich, du großes Land erklingt, ist es wieder so weit.


Die Nachtschicht vom 25. auf den 26. September hat Oberstleutnant Petrow stellvertretend für einen Kollegen übernommen. Ihm unterstehen im Bunker der Kommandozentrale rund 200 Offiziere, die auf zwei Etagen arbeiten. Der Oberstleutnant gilt in seiner Einheit als guter Analytiker, die Dienstvorschriften für das neue Überwachungssystem, das seit einem Jahr in Betrieb ist, hat er selbst geschrieben. Die Stärken und Schwächen des Systems kennt er.

So denkt er zumindest. Im Kontrollraum deutet nichts darauf hin, dass diese Nacht dramatisch verlaufen wird. Die Offiziere der Schicht sitzen konzentriert an ihren Bildschirmen, die Lage ist ruhig. Vor Petrows Platz hängt eine große

Wandkarte, die das Territorium der USA aus der Perspektive des erdnahen Weltraums zeigt.


Kurz nach Mitternacht geht plötzlich ein markerschütternder

Alarm los. Kein Telefonanruf, kein Erhebe dich, kein Probealarm – sondern ein realer Atomalarm. »Es fühlte sich an wie ein Schlag in mein Nervensystem«, berichtete Petrow später. »Alle im Kontrollraum sprangen von ihren Stühlen auf und sahen mich an.« Auf der Wandkarte blinkt ein Warnlicht: An der Ostküste der Vereinigten Staaten ist eine Minuteman-Rakete gestartet, in Richtung Sowjetunion. Kreml-Chef Andropow glaubt fest an den Erstschlag der USA.


Ein roter Knopf mit der Leuchtschrift »Start« blinkt an Petrows Dienstplatz. »Fünfzehn Sekunden lang standen alle wie unter einem Schock.«


Zunächst ruft Petrow die Kommandozentrale seiner Dienststelle an. Dort ist man bereits informiert: »Bleiben Sie ruhig, tun Sie Ihre Pflicht!«, sagt eine Stimme. Daraufhin weist Petrow seine Untergebenen an, das Computersystem zu überprüfen.

Dazu sind nacheinander 30

einzelne Tests nötig. Unterdessen

meldet der Satellit Kosmos 1382

den Start einer zweiten, einer

dritten und schließlich einer

vierten Minuteman-Rakete, alle

von derselben Raketenbasis an der

Ostküste der Vereinigten Staaten

abgefeuert.

Wie die Testläufe ergeben,

arbeitet das Computersystem

einwandfrei. Das heißt: Vier

Interkontinentalraketen, jede mit

maximal zehn Atomsprengköpfen

bestückt, rasen über den Nordpol

auf die Sowjetunion zu. Es bleiben

etwa fünfzehn Minuten, bis sie


sowjetisches Territorium errei-

chen. Dann kommt eine neue


Meldung. Eine fünfte Rakete ist

gerade gestartet, wieder von

derselben Basis. Die Situation

scheint klar, das lang schon

Befürchtete eingetreten: Die

Vereinigten Staaten haben einen

Atomangriff begonnen. An

Petrows Dienstplatz blinkt nach

wie vor der rote Knopf für das

Signal »Start«.


Die Vorschriften legen fest, dass


Petrow die Leitung der Kom-

mandozentrale zu informieren hat,


die dann über das Kommandosystem Krokos den Generalstab im


Moskauer Stadtteil Arbat benach-

richtigen muss. Der Generalstab


wird daraufhin Jurij Andropow in

Kenntnis setzen. Nur der


Generalsekretär des Zentral-

komitees der Kommunistischen


Partei kann einen atomaren

Gegenschlag auslösen. Was


Petrow nicht weiß: Der General-

stab ist bereits automatisch über


den Alarm informiert worden.

Erst viele Jahre später sollte

bekannt werden, dass die Welt in

der Nacht zum 26. September

1983 nur knapp der Apokalypse

entgangen ist. Der Alarm fiel in

eine Zeit höchster internationaler

Spannungen: Nur dreieinhalb

Wochen zuvor, am 1. September,


hatte ein sowjetisches Jagd-

flugzeug die südkoreanische Passa-

giermaschine KAL007 westlich der


Insel Sachalin abgeschossen, 269

Menschen waren dabei ums Leben

gekommen. Die Führung in

Moskau bestand darauf, dass die

Maschine, die durch einen


Navigationsfehler vom Kurs abge-

kommen war und kurz zuvor


irrtümlich die Halbinsel Kam-

tschatka überflogen hatte, ein


amerikanisches Spionageflugzeug


war. Der Kalte Krieg hatte einen

neuen Gipfel erreicht.

Der Abschuss der KAL007 war

indes nicht die alleinige Ursache

der weltweiten Hochspannung.

Seit Mitte der siebziger Jahre

hatten die Konflikte ständig

zugenommen. Seit der Kubakrise

war die Menschheit nicht mehr in

einer ähnlich bedrohlichen Lage

gewesen. Doch im Gegensatz zu

jenen 13Tagen im Oktober 1962, in

deren Verlauf die Welt kurz vor

einem Atomkrieg stand, dauerte

die Krise in diesem Fall mehrere

Jahre, in ihrer heißen Phase etwas

über ein Jahr. Die Furcht vor einer


atomaren Katastrophe war all-

gegenwärtig.


Nach 1969 hatten sich die

Vereinigten Staaten und die

Sowjetunion auf eine Phase der

Entspannung verständigt, die in

eine politische Schönwetterlage zu

münden schien. Mit Verzögerung

musste der Westen jedoch

erkennen, dass die Sowjetunion

die ruhigen Jahre genutzt hatte,

um weiter atomar aufzurüsten.

Mitte der siebziger Jahre überholte

sie die USA in der Stückzahl der

atomaren Sprengköpfe und schuf

kurz darauf ein anderthalbmal so

großes atomares Waffenlager.

Zum Verdruss der westlichen

Länder stellte die Sowjetarmee seit


1977 in Weißrussland und in der

Ukraine Mittelstreckenraketen

vom Typ SS-20 auf, deren

Zielgebiet Westeuropa war. Die

Nato reagierte darauf mit ihrem

berühmten Doppelbeschluss vom

12. Dezember 1979. Man werde

mit dem Kreml über den Abbau

der SS-20-Mittelstreckenraketen

verhandeln. Bei ausbleibender

Einigung aber werde der Westen

seinerseits Pershing-II-Raketen und

Marschflugkörper aufstellen. Als

sowjetische Soldaten Ende

Dezember 1979 nach Afghanistan

vorrückten, war das Maß voll.

Kein Ereignis seit dem Einmarsch

der Truppen des Warschauer

Paktes in die Tschechoslowakei im

August 1968 hat das Ansehen der

Sowjetunion so sehr beschädigt

wie die Intervention in

Afghanistan. In den westlichen

Staaten, vor allem aber unter den

blockfreien Ländern, war die

Empörung groß. US-Strategen

begannen, in neuen Bahnen zu

denken. »Wir müssen [...] die


Sowjetunion zwingen, die Konse-

quenzen ihrer ökonomischen


Probleme in vollem Ausmaß zu

erleiden«, formulierte ein Berater


des Weißen Hauses die ameri-

kanische Antwort. Das hieß nichts


anderes, als die Sowjetunion zu

isolieren und totzurüsten. Kurz

nach seiner Vereidigung zum


Präsidenten der Vereinigten

Staaten im Januar 1981 warf


Ronald Reagan den Verant-

wortlichen in Moskau vor, sie


nähmen für sich ganz selbst-

verständlich »das Recht in


Anspruch, jedes Verbrechen zu

begehen, zu lügen, zu betrügen«.

Für ihn war die Sowjetunion ein

evil empire – das »Reich des

Bösen«. Im März 1983 verkündete


er die »Strategische Verteidigungs-

initiative«, die ein land- und


weltraumgestütztes Abwehr-

system gegen Atomangriffe vor-

sah. Der Kalte Krieg drohte zu


einem »Krieg der Sterne« zu

werden.

Die Herren des Kreml verstanden

sehr wohl, was die Stunde

geschlagen hatte. Zwar schreckte

sie Reagans Weltraumvision

zunächst nicht sonderlich, denn


ein weltraumgestütztes Abwehr-

system aufzustellen, das ihre


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