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1.Todestag von Gorbi: Deutsch-Russisches Plädoyer „Verweigern Wir uns der Eskalation in den Köpfen!"


Das hinterlassene Arbeitszimmer von Michail Gorbatschow

Zum ersten Todestag von Michail Gorbatschow

Mit diesem Newsletter verbreiten wir einen wichtigen und vor allem auch höchst aktuellen Text von Leo Ensel und Ruslan Grinberg, der in der gestrigen Ausgabe von globalbridge veröffentlicht worden ist. Die Lektüre ist aus meiner Sicht ein absolutes Muss, gerade in "Zeiten wie diesen".


Ich habe den österreichischen Friedensforscher und regelmäßigen INTERNATIONAL-Autor Prof. Werner Wintersteiner zu einem Kommentar zu diesem Text ersucht. Auch diesen sollte man unbedingt lesen.


Ich bedanke mich also bei allen genannten Autoren für ihre Beiträge und hoffe, damit einen Denkanstoß geben zu können, sich über die aktuellen, leider nicht immer konstruktiven und sachlichen, Debatten hinweg mit den essentiellen Lebensfragen unserer (und der nächsten) Generation zu befassen.Mit besten Grüßen!

Fritz Edlinger

Herausgeber und Chefredakteur


Deutsch-Russisches Plädoyer: „Verweigern Sie sich der Eskalation in den Köpfen!“ – Zum morgigen Jahrestag des Todes von Michail Gorbatschow

Seit dem Atombombeneinsatz in Hiroshima ist die Menschheit als ganze tötbar. Das aus dieser Erkenntnis folgende und von Michail Gorbatschow mitentwickelte Neue Denken rückte daher das Überleben der Menschheit ins Zentrum des politischen Handelns. Heute ist eine Renaissance dringlicher denn je! – Ein deutsch-russisches Plädoyer für Deeskalation und ein „Neues Denken 2.0“ in Zeiten des Krieges. (Redaktionelle Vorbemerkung: Dieser Artikel wurde geschrieben von den beiden Autoren Leo Ensel und Ruslan Grinberg. Die Technik von Globalbridge.ch zeigt im Moment aber bei einigen Lesern und Leserinnen nur den einen Autor Leo Ensel. Wir bitten um Entschuldigung.) „Die entfesselte Kraft des Atoms hat alles verändert – nur nicht unsere Art zu denken, und so treiben wir auf eine Katastrophe ohnegleichen zu. Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.“ Dies schrieb am 24. Mai 1946 kein Geringerer als Albert Einstein, der seinerseits an der „entfesselten Kraft des Atoms“ – vorsichtig gesprochen – nicht ganz unschuldig war. Es sollte noch fast ein Jahrzehnt dauern, bis namhafte Intellektuelle begannen, die Forderung Einsteins einzulösen, nämlich die Folgen der Erfindung der Atombombe für die Menschheit, ja für den gesamten Planeten konsequent zu durchdenken und präzise auf den Begriff zu bringen. Einer der ersten war der Philosoph Günther Anders, der in den Fünfziger Jahren den unerhörten Umstand einer möglichen menschgemachten Apokalypse auf klassische Formulierungen brachte. Anders unterschied drei Epochen der Menschheitsgeschichte: Bis zur Entwicklung der Vernichtungsanlagen der Nazis hatte der klassische Satz „Alle Menschen sind sterblich“ gegolten. Dieser Satz war durch die Tötungsmaschinerien in den Vernichtungslagern zur zynischen Formel „Alle Menschen sind tötbar“ gesteigert worden. Mit dem Einsatz der Atombombe in Hiroshima und Nagasaki war selbst dieser boshafte Satz bereits antiquiert. Die finale Klimax lautet seitdem und für alle kommenden Zeiten: „Die Menschheit als ganze ist tötbar.“ Was alle treffen kann, betrifft uns alle Seit dem 6. August 1945, dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima, steht also nichts weniger als das Überleben der Menschheit selbst auf dem Spiel, die sich durch dieses Epochenereignis als Menschheit – wenn auch modo negativo – überhaupt erst konstituiert hat. Günther Anders: „Denn eines hat sie erreicht, die Bombe: ein Kampf der Menschheit ist es nun. Was Religionen und Philosophien, was Imperien und Revolutionen nicht zustandegebracht haben: uns wirklich zu einer Menschheit zu machen – ihr ist es geglückt. Was alle treffen kann, das betrifft uns alle.“ Die Konsequenz: Da radioaktive Wolken sich um Militärbündnisse, Machtblöcke und Landesgrenzen einen Dreck scheren und da die heutigen genetischen Mutationen alle kommenden Generationen mitaffizieren, ja die Vernichtung der Menschheit heute sämtliche ungeborenen Generationen mitvernichten würde, gibt es nur noch ‚Nächste‘: im Raum und in der Zeit. Erstmals in der Geschichte der Menschheit gibt es tatsächlich ein alle Klassen-, Religions- und andere Gegensätze überwölbendes Menschheitsinteresse: das Weiterleben als Gattung. Diese Erkenntnis zum entscheidenden Dreh- und Angelpunkt zu machen und daraus die notwendigen Konsequenzen für politisches Handeln zu ziehen, das ist die Maxime des Neuen Denkens. Friedensbewegung im Westen – Gorbatschow im Osten Es sollte noch weitere Jahrzehnte dauern, bis das Neue Denken mit seinen grundlegenden Momenten – Priorität der allgemein menschlichen Interessen als Voraussetzung zur Befriedigung aller übrigen Interessen, Bekämpfung der menschheitsbedrohenden Gefahren (Massenvernichtungsmittel, ökologische Katastrophe) und Verzicht auf Gewalt – endlich die Ebene der Politik erreichte. In den Achtziger Jahren betrat es in Gestalt von zwei Akteuren die weltpolitische Bühne: in Westeuropa als Friedensbewegung, die, in Reaktion auf die drohende Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen, mit der Forderung „Einer muss anfangen, aufzuhören!“ den Ausstieg aus der Logik des Wettrüstens postulierte und sich sehr schnell als Bewegung für das Überleben der Menschheit überhaupt begriff – und im Osten in Gestalt des sowjetischen Parteivorsitzenden Michail Gorbatschow und seiner Administration. Ausgehend von der Tatsache, „dass die Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte sterblich geworden ist und der Charakter der modernen Waffen keinem Staat mehr Hoffnung lässt, sich allein mit militärtechnischen Mitteln, und sei es der allerstärksten, zu verteidigen“, gelangte Gorbatschow zu einer Konsequenz, die bis in die Formulierung hinein an Willy Brandts und Egon Bahrs Konzept der „Gemeinsamen Sicherheit“ anklang: „Unter den heutigen Bedingungen kann die Sicherheit, vor allem der atomaren Großmächte, nur gegenseitig und – im globalen Rahmen – nur allumfassend sein. Die Politik der Stärke hat sich grundsätzlich überlebt.“ Daraus folgte für ihn das Primat der Politik, sprich: Verhandlungen, Verzicht auf die Methode des ‚Nullsummenspiels‘ (mein Gewinn ist dein Verlust) und der Mut, eine Menschheitsvision in ein konkretes Ziel politischen Handelns zu verwandeln: „Der einzig richtige Weg ist die Beseitigung der Atomwaffen, die Reduzierung und Begrenzung der Rüstung überhaupt.“ Am 15. Januar 1986 war die politische Sensation perfekt: Der damalige Generalsekretär der KPdSU verlas eine Erklärung, die in konkreten und realisierbaren Teilinitiativen den Weg zu einer atomwaffenfreien Welt bis zum Jahre 2000 wies. Neues Denken und Neues Handeln In der Retrospektive hat Gorbatschow immer wieder betont, dass seine Politik des Neuen Denkens nicht als gigantische Kopfgeburt am Schreibtisch entstand, sondern im Wechselspiel mit der praktischen Politik Schritt für Schritt entwickelt, modifiziert, umgesetzt und weiterentwickelt wurde. Neues Denken und Neues Handeln bedingten sich gegenseitig. Und weil diese Politik mit Hochdruck und konsequent von der Sowjetunion vorangetrieben wurde und nun – eine wahre ‚Kopernikanische Wende in der Abrüstungspolitik‘! – nicht in quantitativen, sondern in qualitativen Kategorien gedacht wurde, gelangen dieses Mal echte Erfolge auf dem Gebiet der Abrüstung: Der gemeinsamen Erklärung mit Ronald Reagan, ein Atomkrieg könne niemals von einer Seite gewonnen, dürfe daher auch niemals begonnen werden und keine Seite dürfe militärische Vorherrschaft anstreben, folgten u.a. die Verschrottung sämtlicher landgestützter nuklearer Kurz- und Mittelstreckenraketen, die Verringerung strategischer Atomraketen und die Vernichtung von insgesamt 80% aller Atomsprengköpfe weltweit. Und in der im November 1990 von allen europäischen Staaten – inclusive der Sowjetunion, den USA und Kanada – verabschiedeten „Charta von Paris“, die das offizielle Ende des Kalten Krieges besiegelte, schien auch Michail Gorbatschows Vision des „Gemeinsamen Europäischen Hauses“ bereits deutlich Konturen anzunehmen. Ihre epochale Maxime lautete: „Sicherheit ist unteilbar, und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der aller anderen verbunden.“ Long time ago. Zweitausendfünfhundertmal ein II. Weltkrieg Seitdem haben sich die Zeiten allerdings gründlich geändert. In den vergangenen beiden Jahrzehnten wurden nahezu sämtliche Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge – fast ausschließlich auf Druck der USA – geschleift, unter anderem der bedeutendste Abrüstungsvertrag der Weltgeschichte, der Ende 1987 von Michail Gorbatschow und Ronald Reagan unterzeichnete INF-Vertrag. Die Kalten Krieger in West und Ost bekommen nicht erst seit Russlands Krieg gegen die Ukraine wieder Oberwasser: Atombomben sind allseitig erneut salonfähig, Sprengköpfe werden ‚modernisiert‘ und ‚passgenau‘ – das heißt: handhabbar – gemacht, ihr möglicher Ersteinsatz ist in den Doktrinen der USA und Russlands nun nicht nur ausdrücklich verankert, im Zuge des Ukrainekrieges gibt es bereits namhafte Stimmen, die auch noch unverhohlen dafür werben! All dies, obwohl die gegenwärtig weltweit gelagerten 15.800 Atombomben zusammen noch über eine Sprengkraft von rund zweitausendfünfhundert Zweiten Weltkriegen verfügen! Kurz: Das abrüstungspolitische Erbe Michail Gorbatschows, die sensationelle praktische Konsequenz seines Neuen Denkens, wurde mit voller Wucht mutwillig an die Wand gefahren. Eine kraftvolle Friedensbewegung wie in den Achtziger Jahren ist immer noch nirgends in Sicht, der Widerstand gegen diese Entwicklung regt sich erst zaghaft. Für ein „Neues Denken 2.0“! Wenn es überhaupt eine Aussicht auf Abhilfe geben soll, dann wäre die erste Konsequenz, diese Tatsachen, so alarmierend sie sein mögen, endlich wieder zur Kenntnis zu nehmen und im allgemeinen Bewusstsein von Politikern und Bevölkerungen der direkt und mittelbar betroffenen Länder – also aller! – zu verankern. Eine Rückbesinnung auf die Prinzipien des Neuen Denkens, sprich: ein „Neues Denken 2.0“, ist heute not-wendiger denn je! Daher nochmal und sei es zum hundertsten Male: Ein Atomkrieg kennt keinen Gewinner, sondern ausschließlich Verlierer. Entweder wir schaffen die Atombombe ab oder die Atombombe schafft uns ab! Wer den Frieden will, der muss – in Umkehrung des klassischen lateinischen Sprichwortes – den Frieden vorbereiten. Und das gilt nicht nur für die Politiker, sondern ebenso für die Staatsbürger aller Länder. In diesem Sinne appellieren wir an die Menschen in den jetzt verfeindeten Staaten:

  • Verweigern Sie sich der ‚Eskalation in den Köpfen‘, sprich: jeglicher Verteufelung der Menschen auf der jeweils anderen Seite!

  • Knüpfen Sie freundschaftliche Kontakte über die Grenzen der – direkt oder indirekt – kriegführenden Staaten hinweg!

  • Bauen Sie alle bestehenden Kontakte aus: in den Wirtschaftskooperationen, Städtepartnerschaften, im Sport, im Jugendaustausch und den interkonfessionellen Dialogen!

  • Schaffen Sie eine ‚entfeindete Öffentlichkeit‘ über die politischen Lager und Grenzen hinweg – im virtuellen Raum und darüber hinaus!

  • Befördern Sie eine ‚Kultur des Zuhörens und des direkten Dialogs‘!

  • Schauen Sie nicht auf das, was Sie trennt, sondern auf das, was Sie verbindet!

Sollte sich die Politik der neuen Eskalation noch weiter verschärfen und ihr ‚von unten‘ kein Druck in Gestalt einer „Internationale für das Überleben der Menschheit“ entgegengesetzt werden, dann droht in letzter Konsequenz nichts weniger als – Globozid! Sei es militärisch via Massenvernichtungsmittel oder ‚friedlich‘ als Klimakatastrophe. Trägheit oder gar Resignation können wir uns nicht leisten. Nach wie vor gilt Einsteins Ermahnung: „Bloßes Lob des Friedens ist einfach, aber wirkungslos. Was wir brauchen, ist aktive Teilnahme am Kampf gegen den Krieg und alles, was zum Kriege führt.“ Dies wäre die beste Weise, das einzigartige politische Lebenswerk des vor einem Jahr verstorbenen Michail Gorbatschow angemessen zu ehren. Prof. Dr. Ruslan Grinberg, wissenschaftlicher Leiter des „Institut für Wirtschaft“ der „Russischen Akademie der Wissenschaften“, Moskau und langjähriger Berater Michail Gorbatschows in Fragen der Ökonomie

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Prof. Werner Wintersteiners Kommentar zu diesem Text.

Eine Internationale für das Überleben der Menschheit

Das deutsch-russische Plädoyer von Leo Ensel und Ruslan Grinber erscheint genau zur rechten Zeit. Und zwar nicht bloß, weil der Aufruf „Verweigern Sie sich der Eskalation in den Köpfen!“ aus Anlass des ersten Jahrestags des Todes von Michail Gorbatschow erscheint. Sondern auch, weil dieser Appell, sich der Kriegslogik zu verweigern, angesichts des russisch-ukrainischen Krieges besonders aktuell ist. Aber vor allem, weil wir, wie die Autoren zurecht betonen, als Menschheit insgesamt am Rande eines Abgrunds stehen – eine Todesgefahr, die wir selbst geschaffen haben.


Der Text fokussiert auf die apokalyptische Drohung, die seit der Entwicklung und dem Einsatz der Atombombe sowie dem darauf folgenden atomaren Wettrüsten über uns schwebt. Wie die Autoren festhalten, waren sich zunächst nur wenige Intellektuelle dieser Drohung bewusst und haben vor ihr gewarnt. Hier wäre wohl der französische Schriftsteller Albert Camus zu nennen, der bereits wenige Tage nach dem ersten Atombombenabwurf auf Hiroshima die Ungeheuerlichkeit der neuen Situation in der Tageszeitung Combat beschrieb. Oder der österreichische Physiker Hans Thirring, der bereits 1948 in seinem Buch Atomkrieg und Weltpolitik „Dauerfrieden“ als einzigen Ausweg aus der atomaren Drohung propagierte.


Die Autoren verweisen auf die entscheidende und großteils unbedankte Rolle Michael Gorbatschows bei der Entspannungspolitik und der Entschärfung der Atomkriegsgefahr. Als eine der wenigen hat die ehemalige Vizepräsidentin des deutschen Bundestags, Antje Vollmer, im März dieses Jahres verstorben, in ihrem in der Berliner Zeitung abgedruckten „Vermächtnis“ die ungeheure Friedensleistung des letzten Staatspräsidenten der Sowjetunion gewürdigt.


In seinem Sinne fordern Leo Ensel und Ruslan Grinber nun vehement ein neues Denken und Handeln – eine „Internationale für das Überleben der Menschheit“. Sie warnen eindringlich vor dem Globozid: „Sei es militärisch via Massenvernichtungsmittel oder ‚friedlich‘ als Klimakatastrophe.“


Damit sprechen sie einen entscheidenden Punkt an. Denn heute kann die Frage des Weltfriedens nicht mehr getrennt von der Frage des „Umweltfriedens“ betrachtet werden. Wir müssen uns der irdischen „Schicksalsgemeinschaft“ in unserem „Heimatland Erde“ bewusst werden. In selben Jahr 1989, in dem Gorbatschow seine berühmte Erklärung „Der Kalte Krieg ist zu Ende“ abgab, stellte der französische Philosoph Edgar Morin fest:


„Es ist nicht mehr an der Zeit, die ökologischen Katastrophen bloß zu konstatieren. Auch nicht sich der Vorstellung hinzugeben, dass die Entwicklung von Technologien allein Abhilfe schaffen könnte, geschweige denn, dass sie die großen Fehlentwicklungen beheben könnte, die den Planeten und die Biosphäre endgültig zu stören drohen. Der rettende Entwicklungssprung kann nur durch eine gewaltige Umwälzung in unseren Beziehungen zum Menschen, zu anderen Lebewesen und zur Natur erfolgen.“


Wenn wir Frieden unter den Menschen und Frieden mit der Natur als die gemeinsame Menschheitsaufgabe auf die Agenda setzen, können wir, wie Ensel und Grinber es vorschlagen, „das einzigartige politische Lebenswerk des vor einem Jahr verstorbenen Michail Gorbatschow angemessen ehren“.


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